“Albtraum – oder Realität?”

In Zeitlupe kippt das Glas.

Fasziniert verfolge ich, wie sich rote Rinnsale über das Papier zeichnen und sich mit Tintenblau vermischen. Ich kühle meine glühenden Wangen mit eisigen Fingern. Im Hintergrund surrt es leise. Jetzt einen Kaffee aufsetzten. Sofort. Es dauert lange.
Wie sich alles momentan dehnt. 104 Fliesen.

Den Kopf schiefgelegt, stehe ich in der Mitte des Wohnzimmers und lausche der traurigen Melodie des Telefons in Einklang mit der Türklingel. Ein stummes Duett in Moll.

Mein Blick streift die mit Leinen bezogenen Holzrahmen. Blütenweiß aber alles andere als unschuldig. Einem von euch kratze ich jetzt die Augen aus und schenke ihm einen neuen Blickwinkel.
Ein wenig Arsch, ein Spritzer Herz. Welches Geschlecht du bekommst, überlege ich noch. Ganz unsexistisch. Wer braucht das schon? Fühle ich da einen strengen Blick?
Kann ja gar nicht. Vielleicht ja doch?
Ich stecke den Zeigefinger in den Mund und kneife die Augen zusammen. Regt sich etwas wie Stolz? Ich lausche.
Langsam ziehe ich den Finger aus dem Mund und starre auf die Leinwand. Dann mache ich mich hingebungsvoll ans Werk. Je schneller ich damit fertig bin, desto eher kann ich mir die nächste Leinwand schnappen. *schnipp*

Mein Magen knurrt, während ich versuche, ein Gähnen zu unterdrücken. Ignorieren. Obsessiv versunken. Einfach mal treiben lassen und nicht nachdenken. Eine Zigarette anzünden und den groben Pinsel zur Seite legen. Mir ist jetzt gerade mehr nach dem feinen, mit dem weichfließenden Haar.

Ich fühle nicht, wieviel Zeit vergeht. Ich trete einen Schritt zurück und schaue genauer hin. Die Leinwand ist immer noch blütenweiß. Ich sehe auf die Uhr. Fünf Minuten vergangen. Der Boden kommt näher.
Ein zweites Glas kippt.

Ich auch.

Frierend werde ich wach, eingerollt, auf der Seite liegend. Es tut weh und ich presse meine Hände in meine Mitte. Drei Stunden. Die Gedanken kreisen in meinem Kopf, schwellen an zu furchtbaren Kopfschmerzen.
Endlich stehe ich auf, um mir einen Pfefferminztee zu machen.
Wird es heute besser werden? Schadensbegrenzung. Ich wische die Spuren der letzten Ewigkeiten weg. Meine Gedanken kann ich nicht wegwischen. Wie süßer Milchschaum schwimmen sie oben.

Ich öffne das Laptop. Die Tastatur verhöhnt mich. Nicht einmal das verwundert mich. Wenn ich gerade nicht malen kann, warum sollte ich schreiben können?

Ein Anflug von Trotz. Es muss raus! Alles! Egal wie!

Der Raum dehnt sich. Ich kann mein Laptop nicht mehr erreichen, ich kann meine Leinwand nicht erreichen. Ich kann nichts erreichen. Ich drehe durch. Aufkommende Wut lässt meine Fäuste auf die Tischplatte krachen. Der Tisch wird nicht nachgeben, egal wie hartnäckig ich bin.
Mir wird schlecht. Ich renne ins Bad und lasse kaltes Wasser laufen.
Ich lasse es raus. Alles. Fast Alles.

Mit wackligen Knien laufe ich zurück. Das einzige hörbare Geräusch ist mein Herzschlag.
Ich starre auf die leere Leinwand und will sie wegstellen. Ich kann nicht.
Kopfschüttelnd hole ich mir eine zweite. Bleibt die andere eben erst mal da stehen, wo sie ist, verdammt noch mal.
Diesmal wird es gehen. Ganz sicher. Ich greife nach dem Pinsel.

‚Die Opferrolle hast du nur, wenn du sie dir aussuchst.’ denke ich mir.
*surr*

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