“Un-Ruhig”

Was waren das entspannte Zeiten. Ein gutes halbes Jahr wohne ich jetzt in dieser Wohnung. Klein, aber mein. Und ich fühle mich warm, wohl, geborgen hier. Was will man mehr?

Gut – ich war oft nicht da. 4 Wochen dort, 2 Wochen da, 1 Woche unten, ein verlängertes Wochenende oben. Es hat eine Weile gedauert bis ich mit einem Lächeln die Wohnungstür aufschließen konnte, aber inzwischen habe ich der Wohnung nach und nach mein Gesicht gegeben. Ich genieße es nach dem Sport verschwitzt in die Badewanne zu gleiten, Musik auf dem Sofa zu lauschen, so wie jetzt gerade Roger Cicero. Stimmungsvolles Licht, wohlige Wärme und ein Glas Wein.

“Miss Marple” unter mir bringt mich inzwischen auch nicht mehr aus der Ruhe. Ich habe mich damit abgefunden, dass sie irgendwann meine Memoiren schreiben wird. Wer wüsste schon besser Bescheid über mein Leben als sie?
Der junge Typ neben mir ist höchst angenehm. “Mr. X” glänzt die meiste Zeit durch Abwesenheit. Unter ihm ein brasilianisches Pärchen. Ach, was ist das schön, unten in der Waschküche mal wieder ein paar Worte Portugiesisch zu wechseln. Der Wald ist keine 5 Minuten Fußweg entfernt und geweckt werde ich von Vögeln und nicht von Autos.

Es könnte fast perfekt sein, auch wenn ich mein Herz an eine andere Stadt verloren habe. Momentan im Jetzt und Hier ist es erträglich verträglich.


Ich greife mir gestern spät abends wie jeden Abend mein Buch und kuschel mich unter die Bettdecke. Bloß nicht wieder die Zeit vergessen – was natürlich sowieso passiert. Gegen 2:30 Uhr schaffe ich es endlich das Buch zur Seite zu legen und das Licht auszuknipsen. Ich schmiege mich an mein Seitenschläferkissen.

Da höre ich es. Wo kam das her? Was war das? Man kennt das ja – an jede neue Geräuschkulisse muss man sich erstmal gewöhnen. Aber dieses Geräusch ist neu.
Da! Da war es wieder. Klingt nach einer Frau. Ich setze mich auf und lausche. Stirbt unten Miss Marple, die ja ständig über diverse Wehwehchen klagt?
Wieder das Geräusch. Diesmal meine ich es akustisch zuordnen zu können. Aber wer sollte in unserem Haus schon Sex haben? Miss Marple? Gruseliger Gedanke. Nein – jetzt bloß nicht visualisieren. Mr. X scheidet aus. Er ist nicht da. Zumindest steht sein Auto nicht unten.
Wieder. Eindeutig ein wohliges Frauenstöhnen. Nette Stimmlage, kein Quieken.
Jessas – halluziniere ich? Das brasilianische Ehepaar fällt auch aus. Die habe ich noch nie gehört. Herrschaftszeiten! Ich bin Single! Wie soll man denn dabei einschlafen können?
Bitte, wer immer Du bist – lass sie kommen! Bitte. Und um Himmels Willen sei ein Typ, der sich danach zur Seite dreht und schläft. Es wird lauter. Jaaaa – mach hin. Stille. Ich glaube, sie sind fertig. Jedenfalls höre ich jetzt die Spülung im Bad rauschen. Ist mir bisher gar nicht aufgefallen, wie hellhörig es hier ist. Kurze Zeit später falle ich gnädigerweise in meinen wohlverdienten Schlaf.

Noch 10 Minuten dann kommt Diana vorbei, um mich zum walken abzuholen. Ich komme mir vor wie ein Michelinmännchen. Draußen ist es endlich jahreszeitenkonform kälter geworden und ich habe mich heute für den Zwiebellook entschieden. Es klingelt an der Tür und ich greife zu meinen Stöcken. Heute freu ich mich sogar richtig darauf zu laufen. Es ist zwar schweinekalt, aber dafür scheint die Sonne. Perfekt.

Ich renne die Treppen runter und einem Typen in die Arme. Wer ist das jetzt nur wieder? Er lächelt mich an, grüßt und verschwindet in der Wohnung der Brasilianer.
Ähm – habe ich irgendwas verpasst? Mein Blick fällt auf das Klingelschild. Oh ja, du hast was verpasst. Wie kann man denn verpassen, dass Nachbarn aus- und andere einziehen? Muss ich die letzten Tage neben der Spur gelaufen sein.

Wir kommen vom Laufen zurück und ich höre schon vom weiten eine Kreissäge. Schräg gegenüber meiner Haustür reckt sich mir ein wohlgeformter männlicher Hintern entgegen.
Die Säge verstummt und ich bekomme ein umwerfendes Lächeln geschenkt.
Arschloch. Der weiß ganz genau, dass ich seine nächtliche Errungenschaft gehört habe.

Schnell einen Kaffee zum aufwärmen aufgesetzt. “Was hast Du eben gesagt?”
Ich bin abgelenkt. Verdammt. “Du Diana – ich fahre noch mal eben in die Stadt zum Novum.” Sie grinst.
Miststück.
Wie soll ich die kommende Zeit denn sonst überstehen?

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