Aufgeschobene Erkenntnis

antiquariat1In den beiden größten Buchläden war ich schon. (Ich finde ja das Wort Buchladen für diese uncharisma- tischen, leidenschaftslosen Bücher- kaufhallen deplaziert)
In beiden kannten sie das Buch nicht (nicht mal die Autorin) und konnten mir nach einem Blick auf ihren Bildschirm (ohne PC wären die Verkäuferinnen definitiv aufge- schmissen) nur sagen, dass sie es weder da hätten, noch wäre es bei ihrem Lieferanten auf Lager. An dieser Stelle ein kurzes, aufrichtiges „Schäm Dich LIBRI!“ von mir.


Wie immer versuche ich mal wieder alles auf den letzten Drücker zu erledigen.
Es ist auch wenig beruhigend oder gar hilfreich, dass ich seit geraumer Zeit einem meiner Makel zumindest einen Namen geben kann.
„Prokrastination“.
Klingt wichtig und könnte man natürlich entsprechend als Rechtfertigung nutzen.
„Tut mir leid, aber ich habe das leider nicht rechtzeitig geschafft. Wissen sie, ich kann da gar nichts für, ich leide unter Prokrastination.“ (Nicht vergessen betreten und mitleidserreged zu schaun) Wäre simpel – aber zu simpel für mein Leben und meine Art. Ich schiebe halt Dinge von einen Tag auf den anderen und ich kann es nicht lassen, obwohl ich mich selber annerve damit.
Ina Müller würde jetzt sagen: „Schuben? Da heb wi keen tied to.“
Wie auch immer, Laden verlassen, leise vor sich hin fluchen und nachdenken.
Ich könnte ja noch umdisponieren und auf ein anderes Geschenk umschwenken.
Dieser Gedanke wird aber als Käse sofort verworfen. So bin ich eben. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann muss ich das auch umsetzen, egal wie schwierig es ist. Schließlich war das eine super Eingebung. Das Buch passt zu meiner Mutter und ich bin fest davon überzeugt, dass sie es genauso lieben wird, wie ich. Mit dem Vorsatz „DAS oder keines“ trotte ich durch Hamburgs Straßen und zermater mir mein Hirn. Bei ebay könnte ich fündig werden, aber dafür ist die Zeit zu knapp. Scheiß Schieberitis. Aber eigentlich habe ich ja nicht mal geschoben (Achtung – Rechtfertigung!) Immerhin ist mir dieser Geistesblitz erst heute gekommen. Was kann ich dafür, wenn mir diese geniale Idee erst einen Tag bevor das Schenken ansteht einfällt? Eben. (Schulternzuck)
Man, man, man – Jetzt wäre ich fast in diesen Mann reingelaufen, aber was erblicken meine Augen da? Diesen kleinen Buchladen, den ich seit meiner Kindheit kenne, hatte ich schon ganz vergessen. Ha!
Dem Mann kurz zugelächelt, eine Entschuldigung gemurmelt und flugs in den Buchladen. (Der seinen Namen noch verdient!)
Fasziniert wie immer gleiten meine Blicke, die scheinbar endlosen Bücheregale bis zur Decke hinauf. Ich liebe diese alten Jugendstilbauten, mit ihren hohen Decken, dem Holzfußboden (Scheiß auf Laminat) und dem Stuck an der Decke.
Es riecht nach alten Büchern. Mhhh, wie ich das genieße und den Geruch aufsauge und – Überraschung – es ist voll! Es gibt also außer mir doch noch Leben auf diesem Planeten.
Ich wusel mich so durch die Menge zu dem Mann, den ich für den Ladenbesitzer halte und positioniere mich mit meinem charmantesten und erwartungsvollsten Blick, den ich drauf habe, direkt vor ihm.
Er lächelt und fragt mich wie er mir weiterhelfen könne.
„Ich suche ein bestimmtes Buch von Anne Morrow Lindbergh“ sage ich und lächel.
„Ah – und welches?“ fragt er mich. (Ich WUSSTE es – er kann was damit anfangen) „Muscheln in meiner Hand“ antworte ich. „Oh – danach hat ja seit den Siebzigern niemand mehr gefragt.“ Sein Angestellter, der gerade eine Kundin an der Kasse bedient, entgegnet: „Wir müssten noch ein altes Exemplar im Keller haben.“
Der Ladenbesitzer schaut mich an und sagt „Schauen sie sich um – Ich kann grad unmöglich in den Keller gehen um nach dem Buch zu schauen, aber ich kann grad kurz für Sie in den PC schauen, ob ich das Buch noch bis morgen bei unserem Lieferanten bestellen kann.“
Für einen kurzen Moment entgleisen mir (offenbar sichtlich) die Gesichtszüge und ich flüster ein „Ok“.
Eine Minute später „Oder wäre es für sie auch in Ordnung, wenn das Buch gebraucht wäre?“ „Das wäre mir sogar lieber“ entgegne ich und strahle ihn an.
„Dann kommen Sie mit und wir suchen zu zweit. Vier Augen sehen mehr.“
Wir eilen unter dem handgeschriebenen Schild „Für Kunden Zutritt verboten“ hindurch, die schmale Treppe hinunter („Passen sie auf, das sie sich nicht den Kopf stoße“) und stehen inmitten von Kartons aus denen Bücherstapel herausragen, Regalen voller Bücher, egal wo ich auch hinschaue Bücher, Bücher, Bücher.
„Fangen sie dort links an, ich fange hier an.“
Ich glaube ich habe seinen Ehrgeiz geweckt. Endlich mal jemand, der nicht nach den Büchern aus den aktuellen Bestsellerlisten fragt, die man sofort gelangweilt zur Hand hat.
Keine 3 Minuten später erspähen meine Augen einen grauen Leinenbuchrücken auf dem verblichen die Worte „Muscheln in meiner Hand“ im Relief eingedruckt sind, mein rechter Zeigefinger kippt vorsichtig das Buch aus dem Regal nach vorn.
„Ich hab´s“ strahle ich ihn an und halte ihm meinen Fund entgegen.
„Ich wusste schon warum ich sie mit runter genommen habe!“ Er lacht und freut sich mit mir. Wir gehen nach oben an die Kasse, er lächelt mich an, sagt „Das macht dann einen Euro“ und während ich mit einem verdutzen Gesichtsausdruck in meinem Portemonaie wühle und ihm zwei Euro in die Hand drücke, wünscht er mir ein schönes Weihnachtsfest und alles Gute für 2009.
Das Buch mit meinen behandschuhten Händen an mich gedrückt verlasse ich zufrieden den kleinen Buchladen an der Ecke und weiß – (Ina schon wieder) „Eigentlich heb ick doch jümmer wüst wo ick eigentlich hingehör“ …

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