Eurydike auf dem Holzweg

oder: „Ich werde anscheinend alt“

Wie sollte es anders sein. Ich stehe hier und natürlich gibt es Bauarbeiten an Gleisen, die mich dazu zwingen, dieses dämliche Schild zu lesen. Wirklich – sehr interessant. Ich muss also erstmal zum Gleisdreick mit der U12, die nirgends eingezeichnet ist, geschweige denn weiß ich, wo dieses Bermudadreieck ist. Mal sehen, was der Netzplan so hergibt. Guter Witz.
Ich steh’ gedanklich im Wald und seh’ vor lauter Bäumen den Wald nicht.
Nicht, dass ich noch auf den Holzweg gerate. Zum Glück läuft mir ein Herr der Exekutive über den Weg, der mir bereitwillig den Weg aus dem Gehölz erklärt.

Die S-Bahn fährt ein und mit erhobenen Augenbrauen, starre ich auf dieses vorsinflutliche Gefährt, als ginge es jetzt mit Charon, dem Fährmann, in den Hades.

Ich bin mitnichten jemand, der das Modernste des Modernen liebt, ich differenziere in der Hinsicht allerdings. Ich fühle mich zwar annähernd wie der gute, alte Mr. Bones, aber mir ist ganz und gar nicht nach Timbuktu. Trotzdem steigen meine Beine in dieses Mobilitätswunder, auch wenn ich Wohlbefinden anders definiere.
Der „Designer“ des Innenlebens muss Farblegastheniker oder verrückt gewesen sein – oder beides. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, stelle ich nach der Abfahrt (das Ding kann tatsächlich fahren!) fest, dass meine Reise unterirdisch sein wird.
Also doch ab in den Hades.

Wo nur hinschau’n?
Auf die absurden kleinen aufgeklebten Fußbälle an den Fenstern? Auf die mosaiken Bezüge der Bänke, bei deren Anblick sich mir die Netzhaut abzulösen droht?
Na gut – ich habe eine Schwäche für bunt geringelte Socken, aber die Farben passen immer zusammen – ehrlich.
Meine Gedankengänge werden durch einen waschechten „Rumpuper“ unterbrochen und ich muss kurz grinsen, als ich ihn zu dem jungen Punk schräg rechts sagen höre: „Steh’n Se mal uff! Seh’n Se denn nich’, dass der Mann älter is wie Sie?“
Ich sehe ihn schon geistig den Übeltäter an seinen Ohrringen von der Bank ziehen und verkneife mir mein „als“, obwohl ich nicht mal beringt bin.
Warum nur habe ich das Buch auf dem Küchentisch liegen lassen…
Also tue ich das, was ich am besten kann – ich visualisiere.

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, ich säße gerade nicht in der U2 nach Pankow, sondern läge an meinem neuen Lieblingsplatz und ließe mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Einzig das schrille Kreischen der Räder in den Kurven und das Gebrabbel der unsäglichen französischen zwei Holden neben mir ist doch etwas störend – gelinde ausgedrückt.

Meine Gedanken schweifen zu den am Mittag verbrachten Stunden auf einer Dachterrasse in Schöneberg ab, dessen Besitzer mich stolz fragte
„Ist es nicht herrlich ruhig hier?“
Betretenes Schweigen meinerseits. Sicher – im Vergleich zu einem Freitagnachmittag im Liegestuhl an der A7 Hamburg – Kassel ist es wirklich herrlich ruhig hier, aber meine Vorstellung von Ruhe ist anscheinend diametral zu seiner, also schweige ich lieber weiter.

Ohrenbetäubender Lärm, als der Zug in den nächsten Bahnhof einfährt. Ich stehe auf und zähle am Anschlag die Stationen, die mich noch von meinem Ziel trennen.
Noch acht. Na fein. Dann kann ich die Augen ja wieder zumachen und mitzählen.

Ich denke an den gestrigen Abend in Neukölln. Euphemistisch formuliert war er skurril oder surreal. Ich dachte bisher, eine Vernissage wäre im besten Fall ein Augenschmaus, im schlimmsten Fall eine Beleidigung derselben.
Zu sehen gab es weniger und ich sollte dankbar sein. Denn die eine Skulptur zum Themenabend „Gender“ war auch schon das Äußerste, das man ertragen konnte, es sei denn, man ist ein Bewunderer von zweimeterfünfzig großen Pappmachée Frauen, gewandet in rote Gardinen, mit acht Brüsten. Ich weiß – ich Kulturbanause.
Den Auftakt des Abends machte eine schöne Stimme, die uns eine Arie von Gluck darbot aus „Orpheus und Eurydike“.
Es gibt Themen, die verfolgen einen, das weiß ich spätestens, seitdem ich letzte Woche den Kochlöffel schwingend, der Nachrichtensprecherin des WDR2 mit einem lauten „anscheinend“ ins Wort fiel.
Wie dem auch sei – musikalisch war es durchaus ein Genuss und auch die ausgestellten Fotos, auf denen sich immer eine Hand eines Mannes und einer Frau berühren, sind sehr schön anzusehen.
Es folgten im kleinen Raum der Galerie zwei Lesungen, die beide sowohl inhaltlich als auch sprachlich an das single.de Forum erinnerten. Einer Wertung enthalte ich mich hiermit ausdrücklich, möge der Leser sich sein eigenes (Vor)Urteil bilden. Zwischendurch bekomme ich noch eine sms, in der ich gefragt werde, ob ich mit nach Südafrika auswandern würde. Ich schreibe, dass das an sich ja kein schlechter Gedanke sei, aber ob Norwegen auch in Ordnung wäre.
Nein, ich wunderte mich nicht wirklich, dass daraufhin nichts zurückkam.

Nach den beiden Geschichten verlangte alles in meinem Körper nach einer Zigarettenpause. Zum Glück war ich mit diesem Wunsch nicht alleine und so traten wir, den Programmzettel in den Händen nach draußen. Ein flüchtiger Blick darauf kündigte von einem dreiviertelstündigen Vortrag über die weibliche Ejakulation.
Noch während der darauf folgenden Unterhaltung zwischen dem lieben Randolf und mir, ob es denn nun sinnvoll sei, seine Schlafzimmerdecke mit abwischbarer Latexfarbe zu streichen oder nicht, entschieden wir einstimmig zu gehen.
Man muss es ja nicht übertreiben.

Scheiße. Jetzt hab ich vergessen mitzuzählen. Wo bin ich denn jetzt?
Ah – nächste Haltestelle raus. Saumselig, wie ich bin, hätte ich fast den Ausstieg verpasst. Treppe runter, suchender Blick – so schlimm finde ich es hier gar nicht im Prenzlauer Berg. Oder sagt man „am“ Prenzlauer Berg, oder gar „auf“?
Egal – ich bin in Berlin. Berliner nehmen es mit der deutschen Sprache ja eh nicht so genau. Mich doch egal. Das ist der zweite Versuch, den ich der Stadt gebe und sie schafft es nicht, mich zu überzeugen, aber ich bin ja auch wegen einiger Leute hier und nicht wegen der Stadt an sich.

Das „Krüger“ ist eine gemütliche Kneipe, wir können sogar draußen sitzen – und das Ende Oktober. Entschuldigt, wenn ich hier mal kurz die Toiletten erwähne, aber eine Toilette, die ausgestattet ist wie eine Schauspielgarderobe ist doch eher ungewöhnlich.
Griffbereit neben der Toilette gab es im schummrigen Kerzenschein Kuchen, Rotwein, Aschenbecher sowie ein Gästebuch, in das ich mich selbstverständlich verewigen musste.
Der Abend wird unterhaltsam und ausgelassen, also genau so, wie ich es mir zuvor ausgemalt hatte, die Nacht lang und ich werde nachts um zwei sogar noch kulinarisch verwöhnt. Als mir dann noch – die Decke im Arm – vorgelesen werden soll, ist mir kurz nach Timbuktu, aber ich gleite rasch ins Reich der Träume.

Ich schlage gegen achtuhrdreißig die Augen auf, als mir eine bekannte Stimme die neuesten Nachrichten kredenzt, reibe mir ungläubig den Schlaf aus den Augen und rufe Richtung Küche: „Sag mal – welcher Sender ist das?“
Ich liebe rhetorische Fragen und so wird mir denn auch bestätigt, was ich längst weiß – „Deutschlandfunk!“
Ahja. Die Geister, die ich rief und die mich nicht mehr loslassen. Selbst hier in dieser übellaunigen Stadt gibt es noch Dinge, an denen man sich festhalten und geborgen fühlen kann.
Mein Rücken schmerzt. Ich habe das Alter des auf dem Bodenschlafens wohl doch schon überschritten. Oder ich lag einfach falsch. Ich liege ja öfter mal daneben. Draußen haben die Götter, gehässig wie sie oft zu sein pflegen, einen Eimer graue Farbe ausgekübelt. Dafür bekomme ich einen Kaffee mit aufgeschäumter Milch, den ich dankbar annehme, allein schon wegen der damit verbundenen angenehmen Erinnerung, die mich augenblicklich eine Gänsehaut bekommen lässt.
Oder liegt es doch am aufgerissenen Fenster?

Ich bekomme den Tip (ich weigere mich dieses Wort mit zwei p zu schreiben) den Rückweg mit einer anderen Bahnlinie zu bestreiten und als ich höre, dass überirdisch gefahren wird, bin ich sofort überzeugt.

Auf der Fahrt erwäge ich kurz einen Zoobesuch. Ginge ich hin, könnte ich ja zum Gedenken Bastian Sicks den armen Konjunktiv2 besuchen, den ich liebevoll ein wenig aufzupäppeln versuche. Am Zoologischen Garten steige ich aus, gehe Richtung Gedächtniskirche und statte sowohl dem alten, als auch dem neuen Teil einen Besuch ab. Kultur-Fastfood.

Ich gehe die Einkaufstraße weiter und meine Augen bleiben an dem Hugendubel Schild hängen.
Teufelchen: *plop* „Nun geh schon rein. Du willst es doch auch!“ –
Engelchen: *plop* „Bist Du wahnsinnig? Du hast Deinen Kaufrausch doch letzte Woche erst bei amazon ausgelebt!“
Ach – haltet doch beide einfach mal die Klappe, denke ich und betrete das Himmelreich der Buchstaben. Nur ein Buch. Naja – zwei ist auch Ok.
Später an der Kasse sind es dann doch drei. Hmpf. Das Geld in meinem Portemonnaie ist geschrumpft, aber meine gute Laune gestiegen. Fairer Tausch.

Also gleich noch zum Geldautomaten gehen, immerhin bin ich noch ein paar Tage hier. Natürlich finde ich keine Sparkasse, um mir die blöden Gebühren zu sparen –
Ich sollte über einen Bankenwechsel nachdenken. Wäre ich jetzt Kunde der Volksbank eG Bad Laer-Borgloh-Hilter-Melle hätte ich das Problem jedenfalls nicht.
Stattdessen sticht mir in meiner Not noch ein großes Werbeplakat neben dem Geldautomaten ins Auge mit einem nackten Pärchen drauf. Welches Produkt da beworben wurde, habe ich schon wieder vergessen, weil ich schlicht dachte –
Gnade!
Ich möchte nichts mehr über Sex sehen, lesen oder hören!
Das grenzt an seelische Grausamkeit. Da wälze ich mich doch lieber ausgiebig in forensischen und toxikologischen Themen, das macht einen wenigstens nicht schon beim Lesen geil, es sei denn, man ist nekrophil.

Die vier Stockwerke (Altbau!) sollte ich nach meinem süddeutschen Erlebnisurlaub locker wuppen, wären da nicht mein verdammt schweres Gepäck (dabei ist es nur eine Tasche) und mein Zigarettenkonsum.

Da war doch was.
Zigarettenkonsum – genau. Unlängst wollte ich die Versuchsreihe „Aufgeben für Fortgeschrittene“ fortgesetzt haben – darauf eine letzte Zigarette.
Wenigstens war ich, was andere Dinge betrifft, konsequenter.
Sprich: Fernseher staubt ein, Single.de Profil verwaist.
Aber das zählt ja nicht, weil es keine wirkliche Herausforderung ist.

Jana ist nicht einmal verwundert, als ich die Tür aufschließe und geschlagene zweieinhalb Stunden vom Prenzlauer Berg bis nach Schöneberg gebraucht habe.
Was ein Wunder, wenn man noch ausgiebig nach Pfefferminzbonbons gesucht hat, die es anscheinend nur in Holland gibt.
Götter schenkt mir Geduld mit mir. Ich hätte ja auch gleich fragen können.
Wir sehen uns wunderschöne Fotos an, die Jana in Paris gemacht hat und lauschen dabei andächtig zwei norwegischen Sängerinnen, die ich mal eben per sms zu Fotografinnen mache – so ganz ohne T9.

Es gibt allerdings noch einige Schlachten, die hier in Berlin geschlagen werden wollen. In diesem Sinne bringe man mir mein rotes Hemd!
Ein Besuch des Jüdischen Museums, des Bode-Museums, eine Stadtfahrt durch Berlin mit dem Fahrrad, eine Ausstellungseröffnung der Stiftung Starke „Vulcan girls, Jesus & Fred George“ – wir haben ja den „European Month of Photography“ – und natürlich ein kleines single.de Treffen, wo ich schon mal da bin…
Und wenn ich es schaffe, schau ich mir auch noch einen Auftritt von „Mr. First Take“ an.
Sollte ich jemals lebend und bei klarem Verstand wieder aus dieser Stadt kommen, sagt einfach, ihr hättet mich an den Mast gebunden und ich wäre nie dort gewesen.

Ich glaube ja, dass man in dieser Stadt verrückt werden muss.
„Information-Overflow“ – wie hieß das gleich auf Englisch? Mir ist sie einfach zu laut, grell, unübersichtlich, chaotisch und unpersönlich. Diese Stadt beklemmt mich, engt mich ein, liegt wie ein schwerer Umhang auf meinen Schultern.
Da sind mir viele kleine Gässchen und Treppen doch wesentlich sympathischer.
Aber wahrscheinlich werde ich nur alt.
Vielleicht sollte ich der Stadt noch eine Chance geben – ich neige in letzter Zeit anscheinend zur Liebe auf den dritten Blick.

Jetzt schau ich gerade auf die Uhr und vom Laptop auf, weil mir mein Zeitgefühl sagt, dass ich mir die Schuhe anziehen müsste, um raus zu gehen, aber da liegt gar niemand hinter mir, der freudig aufspringt. Blöd wie ich bin, glaube ich, Du hast verstanden, was ich Dir die letzten Wochen erzählt habe und wirst mich in guter Erinnerung behalten. Ich sollte weniger Paul Auster lesen, denk ich mir, zünde mir meine wirklich allerletzte Zigarette an und denke:
„My heart beat still!“

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