Umwege

Manchmal muss man Umwege nehmen, um anzuk

Flink huschen ihre Finger über die Tastatur und sie kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Es macht Spaß mit ihm zu schreiben.
Er ist interessant, humorvoll und ein wenig frech. Nicht zu sehr, nur so sehr, dass sie den Austausch mit ihm genießt und nicht merkt wie die Zeit verfliegt.
Sie hat eh nichts besseres zu tun und selbst wenn, hätte sie es vermutlich verschoben.

Zwischendurch wirft sie einen Blick nach links. Fällt ihm etwas auf? Bemerkt er wie sich seit Tagen ihre Laune verändert?

Nein. Er ist viel zu beschäftigt mit sich selbst und seinen Dialogen mit anderen.
Eine Zeit lang ruht ihr Blick auf seinem Gesicht und sie fragt sich, nicht zum ersten Mal, was sie beide eigentlich verbindet. War da je etwas?
Er bemerkt ihren Blick und schnell schaut sie weg, auf den hell erleuchteten Monitor. Er fragt nichts. Sie sagt nichts.
Er ist Schuld denkt sie sich. Er vernachlässigt mich, interessiert sich mehr für andere als für mich. Was ist schon so schlimm daran, wenn ich es mal genauso mache? Viele fruchtlose Diskussionen haben nichts bewirkt bei ihm, vielleicht muss er real spüren wie das ist.
Er ist schuld.
Ist das nicht ein wenig simpel gedacht? Trägt sie nicht auch Schuld? Vielleicht hält sie nicht was er sich versprochen hatte. Ist es überhaupt wichtig wer Schuld ist?
Letzlich zählt doch nur was unter´m Strich dabei rauskommt.

Eine neue Nachricht. Ihre Miene erhellt sich und sie saugt die geschriebenen Worte wie ein trockener Schwamm auf. Langsam aber merklich kriecht ein ungutes Gefühl aus ihrer Magenregion nach oben – schlechtes Gewissen. Sie kann das nicht. Sie will das nicht. Nicht so. Das war eine Schnappsidee. Sie ist einfach nicht wie er, kann ihm nicht den Spiegel vorhalten. Und zum wiederholten Male schreiben ihre Finger widersträubend: „Es ist besser, wenn wir den Kontakt ganz abbrechen.“

Vorsätz747828da9392f745ed9568ea3e3da657123365827285539589e sind dazu da, eingehalten zu werden. Oder gebrochen zu werden? Wie war das gleich? Es ist 3 Uhr 17 und sie hat gerade den Telefonhörer aufgelegt.
Doch, doch, der Vorsatz den Kontakt sein zu lassen war echt, er war wirklich da. Aber die Neugier wie die Stimme hinter den Worten wohl klingen mag, hat die Oberhand gewonnen. Und da ist es wieder – das schlechte Gewissen.
Ihre Situation wird nicht besser, nicht leichter. Das alles ist ein Desaster und sie entfernt sich immer mehr von ihm, der sich schon lange von ihr entfernt hat.
Der Plan ist gescheitert. Sie ist einfach nicht wie er.

Tage vergehen, keiner ohne den Kontakt mit ihm, der ihr immer wichtiger wird. Sie spürt das. Tausende Worte, geschrieben, gesprochen. Sie verheimlicht nichts.
Geht er hinter ihr vorbei, klickt sie das Gesprächsfenster nicht weg. Er soll es ruhig sehen. Da ist immer noch der Funke Hoffnung er könne bemerken und begreifen was da vorgeht und warum. Endlich. Er bleibt stehen, kommt zurück. Sie hält die Luft an. „Warum schreibst du denn mit dem Arschloch?“ Stille. Das hat sie so nicht erwartet. Es geht ihm nur um das wer. Sicher ist ihr bewusst, dass die beiden sich nicht sonderlich mögen. Sie nutzt die Chance und erklärt, dass er ja schließlich auch – weiter kommt sie nicht. Zum x-ten Mal muss sie einsehen, dass bei ihm immer alles etwas anderes ist. Erhaben über jede Kritik. Er geht ins Wohnzimmer und sie wendet sich wieder dem Monitor zu. „Es ist besser, wenn wir den Kontakt abbrechen.“

Die Zeit vor Weihnachten hat sie meistens sehr genossen. Nicht, dass ihr das Fest aus religiösen Motiven besonders wichtig wäre, oder sie besonders intensiv dem weihnachtlichen Kitsch frönen würde, aber ein Stück weit einen besonderen Zauber hatte die Zeit immer.
Sie freut sich darauf zu ihrer Familie in die Heimat zu fahren. Nach Jahren endlich nicht mehr alleine, sondern mit einem Partner an ihrer Seite.
Ihr schlechtes Gewissen wird sie nun auch nicht mehr plagen – er ist ebenfalls weggefahren zu seiner Familie. Die Ruhe wird beiden gut tun, sie sind sich mittlerweile eh schon näher als sie es sein dürften. Aber einen Blog hat sie eingerichtet und versprochen dort ab und an etwas zu schreiben – ohne das jemand weiß wer da schreibt.
Was ist schon großartig dabei? Schreiben tut sie seit jeher schon gern.
Beschwingt lässt sie sich auf die Couch neben ihn fallen und erzählt ihm, dass er herzlich von ihren Eltern zu Weihnachten eingeladen sei.
„Da kannst du alleine hinfahren. Familienveranstaltungen sind nichts für mich, da bleibe ich lieber alleine zuhause.“

Die ersten Kräne sind zu sehen und wie immer wenn sie den Hafen erreicht, macht sich in ihr dieses wohlige Gefühl des nach Hause kommes breit. Ihr Handy in der Hand vibriert. „Bist du schon angekommen?“ Sie lächelt und schreibt „Ich fahre eben durch den Hafen. Schade, dass du nicht zuhause bist.“
Es ist schön wie immer, wenngleich etwas hektisch, weil sie mal wieder auf den letzten drücker Dinge erledigen muss.
Heiligabend, morgens, 9 Uhr. Es schellt an der Tür und sie hüpft aus dem Bett in den Flur, in freudiger Erwartung des Mannes der DHL, der jetzt doch noch rechtzeitig das Weihnachtsgeschenk für ihren Bruder liefert. Dort steht allerdings nicht der DHL Mann, sondern ihr Vater mit einem gigantischen Blumenstrauß, an dessen Zellophanverpackung ein Umschlag klebt. Im Begriff sich umzudrehen, fragt ihr Vater sie wohin sie wolle, der Strauß sei für sie abgegeben worden.
Sie stutzt. Das widerum hätte sie ihrem Freund gar nicht zugetraut, fast schon ist es ihr peinlich. Nervös nesteln ihre Finger an dem Briefumschlag – er ist von ihm.
Ihr Freund wird sich an diesem Tag nicht melden. Und am Abend weiß sie für sich, dass es aus ist. Da ist nichts mehr und sie weiß auch nicht mehr was jemals da gewesen ist.

Am 4 Januar packt er seine Sachen und geht. „Ich habe keine Antworten mehr.“
„Ich habe auch keine Fragen mehr an Dich“ sagt sie während die Tür ins Schloss fällt.

~

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9 Kommentare

  1. Ein schöner, sanfter Text, liebe Tarja. Gefällt mir sehr! Gerade weil darin viele Gedanken kreisen, jedoch keine Vorwürfe die durchaus bestehenden Gefühle bombardieren. Wie es aussieht, hat sich die Protagonistin viel mehr Gedanken um ihren partiellen Weggefährten und das bestehende resp. längst vergangene Miteinander gemacht, als dieser um sie bzw. es. Das ist ein Ungleichgewicht, was m. E. (wie beim Wiener Walzer, wenn einer der beiden Tänzer mitten in der Drehung plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde den Kopf nach rechts wendet) früher oder später beide zu Fall bringen wird bis muss. Auch denke ich: Wenn man erst anfängt, in dieser Form über Bestehendes nachzudenken, ist die Tür zum Gehen im Grunde schon sperrangelweit geöffnet. Das Hindurchgehen ist dann nur noch eine Frage der Zeit. Und Geduld.

    Seltsam, wie ungeduldig man in vielen Situationen ist. Doch wenn die Ungeduld im übertragenen Sinne angezeigt wäre, scheint sie gerade Urlaub zu haben oder in sonstiger Form durch Abwesenheit zu glänzen. Der Weg in eine andere Richtung ist längst klar und die Füße zum Gehen bereit. Der gesamte Körper tendiert in diese neue Richtung. Aber das Herz kann sich nicht lösen. Oder möchte es nicht. Wartet noch. Wagt es nicht. Und irgendwann hat das Gehen nichts mehr mit Nachdenken oder „Machen“ zu tun; es passiert einfach. Ganz selbstverständlich. Weil es längst überfällig war? Weil der neue Weg viel zu verlockend ist, als ihn länger zu ignorieren? Egal; einfach weil. Punkt.

    Die Frage der Schuld … Hm. Tja. Wenn man sie denn unbedingt beantworten will, halte ich die Aussage „es tragen immer beide Schuld“ meist für recht unsinnig. Besser gefällt mir die Neutralität in Deinen Worten. Zeugen sie doch davon, dass da einmal mehr war, als bloßes Zurkenntnisnehmen. Das ist vergangen. Kommt vor. Kein Drama. Nur ein neuer Abschnitt, in einer Welt voller Wunder. Wenn man denn will.

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  2. Wenn ich das so lese, bleibt mir schlussendlich auch nur noch zu sagen: Es war der nötige Umweg um an dem richtigen Tor des Lebens anzukommen.
    Alles ergibt einen Sinn. Vollkommen richtig. Nur manchmal dauert es lange Zeit und möglicherweise einige schmerzliche Erfahrungen, bis man diesen Sinn erkennt.

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  3. zitat Tarja“Ist das nicht ein wenig simpel gedacht? Trägt sie nicht auch Schuld? Vielleicht hält sie nicht was er sich versprochen hatte. Ist es überhaupt wichtig wer Schuld ist?
    Letzlich zählt doch nur was unter´m Strich dabei rauskommt.“

    hallo,

    simpel ist es seine schuld nicht zu suchen, nicht in sein ich zu schauen, zu schauen wolle. dei gründe dazu können vielzählig sein – unter en stricht ist es aber die angst vor dem eigenen ich.
    insofern ist es wichtig.
    denn wer sich nicht seiner selbst, seinen träumen, gedanken und gefühlen oder auch „gefühlswirrungen“ im klaren ist, wird zwangsläufig ein erwachen bekommen, daß ihm alle andere als lieb ist. ( alternativ „verpennt“ er sein leben. )

    @skriptum: „Wenn man erst anfängt, in dieser Form über Bestehendes nachzudenken, ist die Tür zum Gehen im Grunde schon sperrangelweit geöffnet. Das Hindurchgehen ist dann nur noch eine Frage der Zeit.“ richtig ! …oder eine frage der kraft des antriebs der dahinter steckt.

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  4. schuld ist auch immer eine frage des gewissens, das gewissen wird aber auch von den/ seinen erwatrungen und wünschen bzw. realen bedürfnissen gespeißt.
    das du dich „mit du dich“ beschäftigts oder beschäftigt hast, konnte ich schon beim stöbern im blog sehen.

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